Autor Matthias Bürgel

 

 

Leseproben

 

"Projekt Goliath" - Prolog

 

 

Er kotzte sich die Seele aus dem Leib. Jedes Mal, wenn er glaubte, es ginge wieder, überkam ihn ein neuer Brechreiz. Er würgte und sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Er spuckte, wie er annahm, die letzten Reste seines Mageninhaltes, gemischt mit bitterer Galle aus. Schlieren von Blut mischten sich mit dem Erbrochenen und rannen zäh in den Ablauf des Edelstahlwaschbeckens. Seit gut einer Stunde belegte er nun schon die Bordtoilette. Die Anweisungen des Flugkapitäns, die Plätze wieder einzunehmen, die Anschnallzeichen und die Anweisungen der Bord Crew zu beachten, hatte er ignoriert. Er konnte unmöglich seinen Platz einnehmen und nach einiger Zeit war auch das wütende Klopfen der Flugbegleiterin verebbt. Sie befanden sich im Landeanflug auf Madrid. Es erforderte seine ganze ihm verbliebene Kraft, sich gegen die Schwerkraft des sich im Sinkflug befindlichen Jets zu stemmen.

Seine Firma hatte ihn vor vierzehn Tagen für Verhandlungen nach Sierra Leone geschickt. Die Verhandlungen über den Bau eines Solarparks, welche dem Land weitere sechs Megawatt Leistung bringen, und so die Stromversorgung Sierra Leones sichern sollten, gestalteten sich zäher, als er erwartet hatte. Schon beim ersten Treffen mit den verantwortlichen Projektleitern in Freetown wurde ihm bewusst, dass es ihn, bzw. seine Firma einiges kosten würde, den Vertrag für den Bau des Solarparks an Land zu ziehen. Er machte großzügige Geschenke, führte sie zum Essen in die gediegensten Restaurants Freetowns aus, und Abend für Abend feierten sie mit Edelnutten in einem teuren Nachtclub unweit des Regierungsgebäudes. Nach neun Tagen hatte er sie schließlich so weit, dass sie die Verträge unterzeichneten.

Der größte Abschluss seiner Karriere.

Seine Vorgesetzten in der Madrider Zentrale waren mehr als zufrieden. Er hätte seinen Erfolg gerne gebührend gefeiert, aber als er schließlich in sein Hotelzimmer zurückkam, fühlte er sich matt und fiebrig.

Er schrieb es den langen Tagen und noch längeren Nächten der vergangen zwei Wochen zu und entschied, dies sofort nach seiner Ankunft in Madrid nachzuholen. Plötzlich durchfuhr ein Ruckeln die Maschine, als diese mit quietschenden Reifen auf dem Rollfeld des Madrider Flughafens aufsetzte.

„Reiß dich zusammen“, ermahnte er sich und wandte sich dem Spiegel zu. Sein Gesicht war fahl und wächsern, dunkle Ringe unter den Augen. Mit beiden Händen spritze er sich, so gut es ging, Wasser in sein Gesicht, während die Maschine rapide an Geschwindigkeit verlor und eine langgezogene Kurve beschrieb. Beinahe hätte er das Gleichgewicht verloren. Gerade als er sich das Gesicht trocken getupft und die Krawatte zurechtgerückt hatte, kam das Flugzeug mit einem sanften Ruck zum Halten. Er wandte sich der Türe zu und griff nach der Entriegelung.

„Was zum…“, fluchte er. Ungläubig betrachtete er das Blut an seinen Händen. Er drehte sich zum Spiegel und erschrak. Blut troff aus seinen Augen, das in dicken, zähen Tränen seine Wangen hinab lief, ebenso rannen kleine Rinnsale Blut aus seinen Ohren.

Als er an sich hinunterblickte, hatte sich eine Pfütze schmutzig, braunen, übelriechenden Blutes zu seinen Füßen gebildet, welche warm an seinen Beinen hinuntergelaufen war. Eine Angst, die er noch nie gespürt hatte, überkam ihn. Todesangst! Die enge WC-Kabine begann sich wild um ihn zu drehen. Verzweifelt versuchte er irgendwo Halt zu finden.

Die Welt schien alle Konturen und Farben verloren zu haben, ihm wurde schwarz vor Augen. Er verlor das Bewusstsein und schlug hart auf der Toilette auf. Die Welt war dunkel.



 

"Akte Kronos" - Prolog

Ihre Lungen brannten wie Feuer und die Beinmuskulatur versagte ihren Dienst. Sie saß, in sich zusammengekauert, hinter stinkenden Müllcontainern in irgendeiner schäbigen Gasse, schwer nach Atem ringend. Kalter Regen prasselte in dicken, bleiernen Tropfen hernieder und trommelte ein arhythmisches Stakkato auf den Deckeln der blechernen Müllcontainer. Sie steckte sich die Finger in die Ohren und schloss die Augen. Was sollte sie tun? Wo sollte sie hingehen?

»Los! Denk nach Mädchen«, schalt sie sich.Allmählich beruhigte sich ihr Atem und das Brennen ihrer Lunge verebbte. Sie hatte viel zu viel geraucht im letzten Jahr. Sollte sie je heil aus dieser Sache herauskommen, was immer es auch war, würde sie damit aufhören, das schwor sie sich. Wer war der Kerl und was wollte er von ihr? 

Es war ein Ausnahmefall, aber es war so vieles unerledigt geblieben, dass sie für einige Stunden im Labor gewesen war, um für ihren Chef die Ergebnisse zusammenzustellen. Es dämmerte bereits, als sie die Wohnung betreten hatte. Ein trüber, grauer Tag und am Himmel hingen schwere, dunkle Wolken, die erahnen ließen, dass es heute noch regnen würde. Die kleine Wohnung lag in fast vollkommener Dunkelheit, dennoch hatte sie darauf verzichtet das Licht einzuschalten. Warum auch? Sie fand sich blind darin zurecht. Nachdem sie ihre Chucks von den Füßen gestreift, ihre schwere Lederjacke von den Schultern hatte gleiten lassen, war sie in die Küche gegangen. Auf ihre offene Küche mit der großen Kochinsel und dem hoch eingebauten Backofen war sie besonders stolz. Da ihr nicht danach war, sich etwas Frisches zum Essen zuzubereiten, entschied sie sich für Tiefkühlkost. Sie heizte den Backofen vor und entnahm dem Tiefkühlfach Baguettes, legte sie aufs Backblech und schob sie in den Ofen. Mit auf ihren Knien aufgestützten Ellbogen schaute sie, auf der Kochinsel sitzend, gedankenverloren in den Backofen. Der Professor war ein Workaholic und sie hatte fest damit gerechnet, ihn auch heute im Institut anzutreffen. Vor ein paar Tagen hatte er erwogen, so glaubte sie sich zu erinnern, für zwei, drei Tage verreisen zu wollen. War es schon dieses Wochenende gewesen? Sie wusste es nicht mehr. Dennoch war es ungewöhnlich, dass er heute nicht im Labor erschienen war. War auch nicht wichtig. So hatte sie die sechs Stunden in Ruhe arbeiten können. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit waren Tugenden, die dem Professor enorm wichtig waren. Er schien die Inkarnation all dessen zu sein, was sie nicht war. Er hatte sie ganz zu Beginn gescholten, als sie ein paar Mal zu spät erschienen war. Sie war immer schon chaotisch, unstrukturiert und unorganisiert gewesen, wollte die Stelle aber auf keinen Fall verlieren, weshalb sie sich sehr bemühte, ihm keinen Anlass mehr zur Rüge zu geben. Drei Wecker mühten sich redlich, sie morgens dem Schlaf zu entreißen, alle im Abstand von fünf Minuten gestellt. Sie war eben kein Morgenmensch und würde es nie werden.Seit zwei Jahren arbeitete sie nun mit dem Professor zusammen. Ein komischer Kauz, aber ein absolutes Genie auf seinem Gebiet. Obwohl sie nicht nur optisch, sondern auch charakterlich unterschiedlicher nicht hätten sein können, vertraute er ihr und bezog sie von Anfang an in seine Forschungen mit ein, zumal sie befürchtet hatte, nur einfache hilfswissenschaftliche Dienste verrichten zu müssen.Sie schwang sich von der Kochinsel und griff sich eine Dose Cola aus dem Kühlschrank. Plötzlich hielt sie inne, weil sie glaubte, ein Geräusch gehört zu haben. Spinnerin, dachte sie. Das Geräusch wiederholte sich. Nun wurde sie doch unruhig, stellte die Dose zurück in den Kühlschrank und ließ ihren Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Da war nichts! Bildete sie sich etwas ein? Sie knipste das Licht der Dunstabzugshaube an und die Küche wurde in ein schummrig-diffuses Licht getaucht. Langsam die Kochinsel umrundend schritt sie, sorgfältig darauf bedacht nirgends anzustoßen, in das angrenzende Wohnzimmer. Dort knipste sie die Stehlampe an. Auch hier konnte sie die Quelle des sonderbaren Geräusches nicht ausfindig machen, sie konnte es nicht einmal genau definieren.  Auf  Zehenspitzen schlich sie langsam den Flur hinunter und vergewisserte sich, dass sie die Wohnungstüre ordentlich verschlossen hatte. Ihr Blick fiel dabei auf den Regenschirm, welcher in einem aus den 70ern stammenden Schirmständer stand. Nicht dass sie ihn je gebraucht hätte, sie liebte den Regen, aber sie hatte ihn, zusammen mit dem eigentlich speihässlichen Ständer auf einem Flohmarkt erstanden. Wie ein Schwert aus der Scheide zog sie den Schirm aus dem Ständer, wog ihn in der Hand und ließ ihn durch die Luft sausen. Als Schlagwaffe wäre er gänzlich ungeeignet gewesen, aber er hatte eine metallene Spitze, die, richtig eingesetzt, sicherlich eine gute Verteidigungswaffe sein würde. Damit bewaffnet ging sie den Flur zurück ins Wohnzimmer, schielte um die Ecke und ging langsam Richtung Schlafzimmer. Mit den Fingerspitzen stieß sie sacht die Türe auf und wartete, bis diese am Schrank anstieß. Kampfbereit tastete sie nach dem Lichtschalter, hob den Schirm hoch über ihren Kopf und knipste das Licht an.Erleichtert blies sie die Luft aus, die sie unbewusst angehalten hatte.                   Sina, jetzt fängst du an durchzudrehen, dachte sie schmunzelnd, wog den Schirm in ihrer Hand, nahm eine Fechthaltung ein und duellierte sich mit ihrem verwegen grinsenden Pendant in der verspiegelten Türe ihres Kleiderschrankes. Sie knipste das Licht aus und ging in die Küche zurück. Ein Blick in den Ofen verriet ihr, dass die Baguettes bald fertig sein würden. Zischend öffnete sie die Coladose, welche sie zuvor in den Kühlschrank zurückgestellt hatte, und schwang sich wieder auf die Kochinsel. Sie entließ einen gewaltigen Rülpser, nachdem sie einen großen Schluck genommen hatte.  »Reeeespekt, Sina«, gluckste sie und klatschte die Hände zu einem high-five zusammen. Plötzlich schnürte ihr etwas die Kehle zu und ihr Kopf wurde hart nach hinten gerissen. Sie versuchte zu schreien, aber kein Laut wollte ihrer Kehle entweichen. Wild strampelnd und um sich schlagend wurde sie, mehr liegend als sitzend, über das Ceran-Feld und den Rand der Kochinsel gezerrt. Ihre Hand griff immer wieder ins Leere, bis sie einen Gegenstand ertastete, den sie ergriff und eisern festhielt. Da sie nichts sehen konnte, glaubte sie, endlos tief zu fallen. Der Aufprall, als sie hart auf dem Rücken aufschlug, trieb ihr die letzte Luft aus den Lungen. Tränen der Angst und des Schmerzes trübten ihren Blick und mit dem Gegenstand in der Hand hieb und stach sie wild um und hinter sich, bis sie plötzlich einen Widerstand zu spüren glaubte. Sie stach erneut zu und ein lautes, wütendes Brüllen erklang. Die Schlinge um ihren Hals lockerte sich und blitzschnell drehte sie sich und rappelte sich auf. Ihre Lungen füllten sich mit Luft und ihr wurde schwarz vor Augen. Immer noch den Schirm umklammernd, hieb und stach sie blindlings auf die vermummte Person ein, welche vor ihr auf dem Boden kniete. Zumindest nahm sie es in diesem Augenblick durch den Tränenschleier so wahr. Eine Stimme in ihr schrie: »Lauf Sina, lauf!«                                                                                  Sie warf den Schirm von sich, der ins Dunkel des Raumes davon schlidderte, umrundete die kauernde Person, griff sich ihre im Flur auf dem Boden liegende Lederjacke und Stiefel, packte ihren Rucksack und polterte barfüßig, immer zwei Stufen auf einmal nehmend das Treppenhaus hinab, stürmte zur Haustüre hinaus und rannte und rannte, bis sie nicht mehr konnte. Der Regen schien noch zugenommen zu haben. Völlig durchnässt und zitternd kramte sie mit klammen Fingern ihr Handy aus der Gesäßtasche und überlegte, wen sie anrufen könnte. Die Polizei? Sie mochte die Bullen nicht sonderlich gut leiden. Hatte sie doch in der Vergangenheit die ein oder andere schlechte Erfahrung mit ihnen gemacht. Die waren doch alle gleich. Wahrscheinlich würden sie ihr nicht einmal glauben, schon gar nicht, wenn sie ihr Strafregister durchforsteten. Nein, das wäre wirklich ihre letzte Option. Sie wusste wo sie hingehen würde. Dort wäre sie sicher. Vorerst!